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Gewalt

Bilder für Geschichte, Faktizität zu finden, ist für den Spielfilm einer der allerhöchsten Aufgaben. Steve McQueen bewältigt dieses Unterfangen mit unglaublicher Nachhaltigkeit. Die Bilder, die er für Solomon Northups Geschichte findet, bleiben nachhaltig eingepflanzt im Kopf. Nicht aufgrund von Brutalität oder Effekthascherei ist 12 Years a Slave ein einprägsamer Film, sondern vielmehr die Ruhe und Ausdauer der Inszenierung den Facettenreichtum von Rassismus, Sklaverei und körperlicher, sexueller Nötigung zu diskutieren. Das ganz persönliche Schicksal von Northup ist der Aufhänger für eine Sozialstudie, die tief hineingeht in die Geschichte und Bedeutung der Sklaverei – authentisch, recherchiert, unprätentiös. In 12 Years a Slave steckt nicht Gewalt um der Gewalt willen, sondern um den realen Misshandlungen nahe zu kommen. Dabei nimmt Steve McQueen sich sehr viel Zeit, um an den Punkt zu gelangen, an dem die Form von Gewalt unerträglich, auch eine Qual für den Zuschauenden wird: die Peinigung und Auspeitschung von Patsey. Die Nötigung von Edwin Epps, dass Northup selbst diesen Akt der Willkür vollzieht, potenziert dieser Szene. Zuvor zeigt McQueen jedoch zu keinem Zeitpunkt so drastisch sadistische Gewaltakte. Die Wichtigkeit dieses Films offenbart sich nicht an Preisen oder an positiven Kritiken, sondern an seiner Konsequenz, auch für jeden einzelnen Zuschauenden. Ich bin berührt von Handlung und geschichtlichem Diskurs einerseits und begeistert von der filmischen Komposition – politisch, präzise und völlig unspektakulär. Sklaverei wird nicht ausgestellt oder für Dramatik ausgenutzt, sondern als faktische, brutale, soziale Problematik eruiert. Die Ambivalenz der Handhabung von Sklaverei wird über die Darstellung des diversitären Umgangs der Guts- und Sklavenbesitzer deutlich. Dass Michael Fassbender mit Edwin Epps den brutalsten und berüchtigsten von allen verkörpert, ist für mich die mutigste Besetzung des gesamten Casts – cholerisch, unberechenbar, überempfindlich und so zerbrechlich. (T. O.)

Schraders Film zeichnet eine Bild von Welt, das in unseren Kellern verstaubt: Wer wird geschlagen? Wer misshandelt? Wer schweigt? Zum Thema: Misshandlung von Kindern. Das filmische bzw. literarische Schicksal von Wade Whitehouse und seinen Geschwistern beschreibt sicherlich nur in geringem Maße die Gefühle von Opfern in unserer gesellschaftlichen Realität, unserem Alltag. Der Film zeigt Teufelskreis familiärer Gewalt, aus dem es einerseits schwer ist auszubrechen, andererseits jeder Einzelne selbst für sein Leben verantwortlich bleibt. Wade ist eine gescheiterte gescheiterte, gebrochene Figur, die Hier und Da die Möglichkeit wahrnehmen könnte das Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken, aber sich letztendlich selbst ins Abseits manövriert. In seiner Kindheit sieht Wade sich stets als Beschützer seiner Geschwister und seiner Mutter, indem er die Prügeleien vom Vater auf seine Schultern abzuwälzen versucht. Er möchte stark sein und in gewisser Hinsicht auch seinem Vater beweisen, was für ein harter Kerl, wie anders er ist. Doch die Gewalt von seinem Vater lässt ihn das ganze Leben nicht mehr los; sie hängt wie ein gebranntes Jesuskreuz über seiner Stirn und schnürt seine Möglichkeit einmal anders als sein Vater zu werden weiter ein. Der Dämon Vater; diese Konstante; die Erinnerungen an seine Kindheit bleiben im Vordergrund seines Handelns. Wade ist vor allem deshalb eine zum verlieren verurteilte Figur, weil er nicht begreift, dass er seine eigenen Probleme verdrängt, sie nie wirklich verarbeitet und mit dem Kummer in seinem Herzen durch die Straßen irrt. Er möchte alles richtig machen und für Gerechtigkeit einstehen, aber verkennt die Tatsache, dass er Situationen, Gegebenheiten völlig falsch einschätzt, gerade deshalb, weil er ja nicht einmal sich selbst einschätzen kann. Langsam aber sicher zermürbt ihn nicht nur sein Zorn auf die eigene Kindheit, sonder auch seine ständig weiteren Niederlagen, die er ertragen muss. Er verliert sich um seine Sorgen und Probleme weiter verdrängen zu können in der Trinkerei und nimmt immer mehr die Züge der Vatergestalt an, die ihn zeit seiner Kindheit verfolgt. Ein Teufelskreis aus dem Wade nicht mehr entkommen wird; er kann weder ein besserer Vater, ein besserer Ehemann, noch ein besserer Mensch sein als sein Vater, weil er nicht bereit ist diesen Schatten hinter sich zu lassen. (T. O.)

Da wird gefickt. Rein und Raus. Raus und Rein. Ficken und Tod. Nicht Ficken und Leben. Da wird gefickt und jemand stirbt. Nebenan. Dort wird gefickt und dort drüben stirbt ein kleines Kind. Etwas einst Geborenes stirbt. Ist also tot. Ja. Erst wurde es geboren. Jetzt ist es mausetot. Doch nicht durch das Ficken derer die das Geborene fickend erzeugt haben, ist ein Kind gestorben, sondern durch das was verborgen ist, durch das was verschollen, nein, vergraben worden ist und weiter vergraben wird. Mit dem Ficken oder Gefickt werden weiter eingraben. Immer wieder etwas Neues darauf schütten oder schütten lassen. Dort unten. Tief im Innern kann das Eingegrabene oder Zugeschüttete nicht gehört und nicht gesehen werden. Es ist aus dem Sinn. Nicht aus der Welt. Das nun nicht gleich. Aber aus dem Sinn. Also noch einmal. Mann und Frau ficken. Wild. Hemmungslos. Hart. Sie ficken und ihr eigenes Kind stirbt. Nebenan sieht dieses Kind erst seine Eltern ficken und dann geht es zum Fenster und stirbt. Das Kind fällt. Das Kind fällt und die Welt stürzt ein. Für die beiden Fickenden bricht eine Welt zusammen. Das ist das Ende (nicht des Films, aber zumindest ein Ende des bisherigen Lebens). Das ist der Tod. Das Kind ist tot. Mann und Frau zurückgelassen. (T.O.)

Was stellt da dieser Al Pacino mit uns an? Das ist völlig verrückt. Das ist absolut einzigartig. Dieser wuchtige, außergewöhnliche Kerl. Ein Heiligtum. Was er uns da zeigt, ist vielschichtig, kontrovers. Eine Marke. Ein Individuum als Schauspielender und in jedweder Figur, hier Sunny – zart, energisch, sanftmütig, jähzornig, doch berechenbar, doch kalkulierbar. Ganz anders sein Komplize, der dafür verantwortlich ist, dass Sunny tun und lassen kann, was er will. Ihm ist alles zuzutrauen und deshalb muss er weg. Das weiß auch Sunny und fügt sich. Absoluter Psychowahnsinn. Vieles erinnert von der Konstellation an Twelve Angry Men. Ein Raum, der hier immer wieder nach außen hin aufgebrochen wird. Eine scheinbar nicht lösbare Situation. Trotz allem bleibt Spannung über die gesamte Filmlänge aufrecht erhalten; ist da; ganz präsent. Das ist die Kunst von Lumet. Ein atemberaubender Traum. Ich mag diesen Film schon so lange und jetzt habe ich ihn endlich in 35mm gesehen. Was will man mehr als das. Vielleicht einen anderen Lumet gleich hinter her. Das wäre doch gut. (T.O.)

Ich kam in eine Stadt und wurde Stück für Stück zum Hund dressiert. Ich kam in eine Hundestadt. Eine Stadt voller Hunde. Menschen sind in dieser Stadt Hunde. Bellen und Jaulen. Sie sind verräterisch. Diese Stadt hat Menschen zu Hunden dressiert. Tiere sind die Menschen geworden und das was die Stadt mit ihnen angestellt hat, machen sie jetzt mit mir. Mich dressiert diese Stadt mit Hilfe der Hunde. Sie haben mich nach einer Zeit an eine Kette gelegt und mich zu ihrer Sklavin umfunktioniert. Ich war kein Hund mehr, sondern weniger als das; noch weniger Wert als ein Hund in dieser Hundestadt. Die Hundemännchen in dieser Hundestadt haben sich an meinen angeketteten Körper vergnügt. Die Hundefrauen missbrauchen mich auf verbaler Ebene. Hundewelpen treiben ihr kindliches, naives Spiel. Ich bin eine Sklavin in einer Hundestadt. (T.O.)

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