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Familie

Schraders Film zeichnet eine Bild von Welt, das in unseren Kellern verstaubt: Wer wird geschlagen? Wer misshandelt? Wer schweigt? Zum Thema: Misshandlung von Kindern. Das filmische bzw. literarische Schicksal von Wade Whitehouse und seinen Geschwistern beschreibt sicherlich nur in geringem Maße die Gefühle von Opfern in unserer gesellschaftlichen Realität, unserem Alltag. Der Film zeigt Teufelskreis familiärer Gewalt, aus dem es einerseits schwer ist auszubrechen, andererseits jeder Einzelne selbst für sein Leben verantwortlich bleibt. Wade ist eine gescheiterte gescheiterte, gebrochene Figur, die Hier und Da die Möglichkeit wahrnehmen könnte das Leben wieder in geregelte Bahnen zu lenken, aber sich letztendlich selbst ins Abseits manövriert. In seiner Kindheit sieht Wade sich stets als Beschützer seiner Geschwister und seiner Mutter, indem er die Prügeleien vom Vater auf seine Schultern abzuwälzen versucht. Er möchte stark sein und in gewisser Hinsicht auch seinem Vater beweisen, was für ein harter Kerl, wie anders er ist. Doch die Gewalt von seinem Vater lässt ihn das ganze Leben nicht mehr los; sie hängt wie ein gebranntes Jesuskreuz über seiner Stirn und schnürt seine Möglichkeit einmal anders als sein Vater zu werden weiter ein. Der Dämon Vater; diese Konstante; die Erinnerungen an seine Kindheit bleiben im Vordergrund seines Handelns. Wade ist vor allem deshalb eine zum verlieren verurteilte Figur, weil er nicht begreift, dass er seine eigenen Probleme verdrängt, sie nie wirklich verarbeitet und mit dem Kummer in seinem Herzen durch die Straßen irrt. Er möchte alles richtig machen und für Gerechtigkeit einstehen, aber verkennt die Tatsache, dass er Situationen, Gegebenheiten völlig falsch einschätzt, gerade deshalb, weil er ja nicht einmal sich selbst einschätzen kann. Langsam aber sicher zermürbt ihn nicht nur sein Zorn auf die eigene Kindheit, sonder auch seine ständig weiteren Niederlagen, die er ertragen muss. Er verliert sich um seine Sorgen und Probleme weiter verdrängen zu können in der Trinkerei und nimmt immer mehr die Züge der Vatergestalt an, die ihn zeit seiner Kindheit verfolgt. Ein Teufelskreis aus dem Wade nicht mehr entkommen wird; er kann weder ein besserer Vater, ein besserer Ehemann, noch ein besserer Mensch sein als sein Vater, weil er nicht bereit ist diesen Schatten hinter sich zu lassen. (T. O.)

Zwischenmenschliche Beziehungen bestimmen unser aller Leben; im Alltag und in der Ewigkeit. Kommt es zum Bruch, stehen stets Fragen nach Begründungen im Raum, die kaum zu beantworten sind. Sondern vielmehr evozieren sie eine Frage, die persönliche Anerkennung von Schuld impliziert: Wieso habe ich nichts gegen den Missmut unternommen bzw. wieso war ich nicht fähig den Missmut zu bekämpfen? Es kommt vor, wie in Kramer vs. Kramer, dass diese Schuldfrage überhaupt erst vor Gericht aufgeworfen wird, dann zumeist schmerzlich, unerträglich und in gewissen Zügen unbeabsichtigt. Beim Fall der Kramers liegt diese Konfrontation im Sorgerechtsstreit um ihren Sohn. Für den Zuschauenden ist diese emotionale Auseinandersetzung ein wichtiger Knoten der platzt: einerseits erfährt man Hintergründe der Flucht von mrs. Kramer und viel mehr noch gewinnt man Verständnis für ihre Entscheidung bei der Flucht den Sohn zurückzulassen. Der Gerichtsprozess ist für den Zuschaunden aber auch für die beiden Protagonisten eine Erkenntnisschmiede, ein Bildungsweg  emotional, widersprüchlich, einmal mehr aufwühlend. Der Mut und gleichzeitig die Verzweiflung, die damit einhergeht, dass man um Erziehungsberchtigung gerichtlich  also vor dem Gesetz  streitet, sich konfrontiert, ist gleichzusetzen mit der Illusion besser als der andere für das Kind zu sein. Doch das Kind entscheidet in jedem Fall ganz allein, welche Erziehung es sich selbst erlaubt: nicht Vater, nicht Mutter, nicht Staat, nur das Kind. Als Betrachtender ertappt man sich zu Beginn auf der Seite der Mutter, dann auf der Seite des Vaters und letztlich eben komplett auf der Seite des Kindes zu sein. Man wächst mit dieser Seherfahrung ungemein. Der Film erzieht unbewusst und unbeabsichtigt, ganz subtil in aller Emotion  so reißt die Handlung, die Darstellung der Schauspielenden emotional mit. Doch das ist eben lange nicht alles. (T.O. )

Ein Generationenbild: Vater und Sohn entlang einer Waldstraße, der eine in Hochgeschwindigkeit mit seinem Motorrad, der andere suchend mit seinem Fahrrad. Das Bild ersetzt sich und das sprichwörtliche in die Fußstapfen treten findet statt, später mit dem Sohn auf einem Motorrad. Die Wurzeln und Gen-ialität In-Szene-gesetzt. Im Grunde präsentiert Cianfrance ein dreiaktiges Drama, indem die Verbindungen zueinander überdeutlich sind. 1. Akt: Die Geschichte von Luke, einem leidenschaftlichen Draufgänger und impulsiven Menschen. Seine Absichten und seine philanthropische Art sind so überzeugend durch Ryan Gosling dargestellt, dass der Maßstab für die beiden anderen Akte enorm hoch liegt. Das Schauspiel von Gosling ist im Grunde sehr zurückhaltend, affektgesteuert, völlig aus dem Inneren des Charakters herausgepresst, wie ein brodelnder Vulkan. Die Akzeptanz seiner Vaterstadt setzt sich von Jetzt auf Gleich ein, die Akzeptanz seines Sterbens ebenso – eine überaus tragische Figur. Im 2. Akt absolute Kehrtwende mit Avery, dargestellt von Bradley Cooper – in Sinnkrise und Gewissensbissen zwischen Korruption und dem Mord an Luke. Auf diesen Kontrast, der sehr tiefenpsychologisch inszeniert ist und im Gegensatz zur rasanten und rasenden Aufeinanderfolge von Ereignis und Filmbild bei Lukes Filmpart steht, muss man sich bewusst einlassen. 3. Akt: Dane de Haan als der Teenager Jason, dem Sohn von Luke, der seine Identität sucht und in der Figur seines leiblichen Vaters findet, indem er dessen Lebenslinien folgt. Die Verbindungen sind frappant und vorhersehbar, die Konsequenz schnell einleuchtend, die Inszenierung bildgewaltig, atmosphärisch und markant mit musikalischen Elementen beeinflusst. (T.O.)

Konsequent und kraftvoll sprechen diese Bilder zu mir, die ohne Musik getragen sind; fast zumindest. Eine Konzentration auf die Schauspielenden und die Herausstreichung ihrer Qualität. Seht euch diesen Erdingern an, der mich hier unglaublich überrascht, weil er ein so geklärtes Wesen spielt. So aufgeklärt und ruhig; trotzdem voller Emotionen. Das bei dieser bedrückenden Situation, in die sie zurückkommen, die ganze Zeit diese Schwere, die ganze Zeit konsterniert. Stück für Stück treten Wahrheiten hervor, die auch für mich als Betrachtenden erlösend wirken; so klar und kraftvoll aus den Schauspielenden heraus, als ob sie Jahrzehnte gewartet hätten und das haben die Figuren im Film auch. Insofern präzise ausgeführt. Aber es gibt einen anderen Aspekt, der mich beeindruckt: Diese Konsequenz im Schnitt, in der kühlen und distanzierten Inszenierung. Somit verwundert es nicht, das der Film ohne Antworten aufhört, weil die Handlung für die Charaktere schließlich auch keine Antworten liefert. Blick auf die Einfahrt und Schluss. Das lässt mich mit Fragen zurück. Gut so. Weil es mich nicht befriedigt. (T.O.)