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Goldene Palme

Ich hatte solche Angst vor der Depression, in die mich dieser Film stürzen würde. Nichts davon zu spüren... Nein, nichts davon. Ich gehe nachdenklich aus dem Kino, allein (um mich herum zahlreiche Festivalbesucher und doch allein). Allein ins Kino gehen – welches Glück. Das Kinoabenteuer mein liebstes Gefühl. Rein und unschuldig. Für Michael Hanekes neuen Film Zeit nehmen und ins Kino gehen. Eine nicht täuschend gute Entscheidung. So zentriert, so fokussiert, so strukturiert ist dieser Film, dass einem Angst und Bange wird vor der Perfektion. Stiller Beginn; dann lauter Knall durch das Aufbrachen der Tür; Verwesung, Gestank und Tod. Danach wieder Rückfall in die Stille. Stille in den Gesichtern der Protagonisten. Diese Stille wird nur dann durchbrochen, wenn klassische Musik über das Klavier oder die Lautsprecher tönt und gleichzeitig unterbrochen wird. Es ist eine Stille mit Worten und Emotionen, Geschichten. Eine Stille bis zum stillsten Moment des Lebens, den Tod. Eine Stille in der Liebe der beiden Protagonisten, Ehepaar Laurent. Es ist eine stille Liebe geworden, hat sich verändert und der Ton wurde abgestellt. Zunehmend kann Mme L. Nicht mehr sprechen. Zunehmend versinkt M. L. Im stillen Lesen oder einsamen Dialog. Liebe definiert sich durch diesen Alterungsprozess neu und trotzdem bleibt sie liebevoll. Eva (deren Tochter) bemerkt bei der Erzählung aus ihren Kindheitserinnerungen, dass es ihr Ideal von Liebe und Zärtlichkeit war, wenn sie ihren Eltern beim Sex lauschen durfte. In diesen Momenten, wusste sie, dass die Familie für immer zusammen bleiben würde. Aber auch ohne direkt vollzogene Sexualität bleibt es eine tief verwurzelte Liebe. Liebe im Sinne von Hingabe und Aufopferung. Das muss so schön sein, so tief ein Leben (oder in diesem Falle sind es schließlich zwei) in dieser Intensität bestreiten zu können; im Bewusstsein von Veränderung, von Wandel. Am Ende die Stille der Wohnung, von Toten befreit, tritt Eva ein, geht umher, setzt sich einen Sessel und lächelt. Eine Liebe ist gestorben, also aus dem leben geschieden, aber für Eva wohl immer präsent – ehrlich, konstant, liebevoll. Ihre kurzen Auftritte reißen zumeist ein emotionales Loch in das Gefüge der Eltern – laut, kritisch, sorgend. Trotzdem bleiben ihre Eltern an ihren Ansichten kleben. Sie oder insbesondere Er nimmt die Bürde der Krankheit auf sich. Wieder im Stillen und trotzdem lautstark verteidigend, wenn er die Kritik für Unrecht hält: „Tu es un monstre parfois, mais tu es gentil“, so seine Frau ihn lakonisch urteilend. Am Ende schwelgt sie in Erinnerung: „C‘était bien.“ So schön und so leidenschaftlich kann Liebe sein. Zu den Schauspielenden: Jean-Louis Trintignant ist alt geworden, genau wie seine Figur. Im Alter die Weisheit. Im Alter eine liebevolle Perfektion. Man hat das Gefühl, dass er für jeden Ausdruck lange und tief überlegt, erst nach einer Zeit reagiert. Das passt so gut zu dieser Inszenierung der Stille. Emmanuelle Rivas Figur ist krank und zornig geworden. Es muss so schwierig sein diese Krankheit darzustellen, der Sprachakt völlig anders – quälend und herausgepresst. Trotzdem behält sie ihren Willen, den sie sich nicht brechen lässt – sichtbar und kraftvoll. Diese Differenz wirkt bei Riva natürlich und konsequent, detailliert. (T.O.)

„Because in the musical nothing dreadful ever happens.“ Nach dieser von Selma getroffenen Definition kann Dancer in the Dark kein Musical sein. Ist es natürlich auch nicht. Aber zu einem gewissen Teil ist es das Thema des Films. Die Hauptfigur singt sich alles, was ihr widerfährt schön oder transformiert es in eine Musicalatmosphäre, die ästhetisch durch höhere Kontrastwerte markiert ist. Von der Handkameraästhetik weicht Trier dabei niemals ab. Eigentlich ist der Film an sich ganz harter Stoff. Gerade der Kontrast zwischen Krankheit, Mord, Todesstrafe oder Hinrichtung macht den Film erträglich, vor allem für den Zuschauenden wie auch für Selma, die nur für eine Sache kämpft: dem Glück für ihren Sohn. Dafür ist sie bereit zu sterben und vor allen Dingen bereit zu töten. Dabei ist es gerade Björk, die dem Charakter die nötige Überzeugung verleiht so verwachsen mit der Musik zu sein. Das ist so kraftvoll und absolut ehrlich. Sie ist die perfekte Verbindung zwischen diesen hyperrealistischen Aufnahmen und den hyperästhetisierten Sequenzen der Tagträume. Sie ist der Grund warum dieses Zusammenspiel funktioniert. Ganz sicher weil es von ihr komponierte Musik ist. Hier ist nichts aufgesetzt und doch alles inszeniert. (T.O.)