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Vienna Independent Shorts 2008 - Film & Food Schweiz

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Wein, Käse und Schokolade. Dafür steht das Binnenland Schweiz. Zur Einleitung des Filmabends wurde genau das von dem Gastprogramm ‚Film & Food Schweiz’ verkörpert, nämlich insoweit, dass es neben dem Buffet auch eine kleine Auswahl an Getränken gab. Dieser genussvolle Teil des Abends erscheint im Resümee über die Veranstaltung als gekonnt inszenierter und bewusst gesetzter Gegensatz zum „dunklen“ Filmprogramm. Denn das, was dem Zuschauer in der Reformierten Stadtkirche nach den kulinarischen Köstlichkeiten an Cineastischem geboten wurde, übergoss den romantischen Schein, im abendlichen Glanze des Kirchenhofes, mit bittersüßer Selbstironie und mit unglaublichem Mut zur Selbstverhöhnung der eigenen Landsleute. Abgemagerte, tote bzw. fette, schwabbelige Menschenkörper; Bürokratie; materieller Fanatismus; Trash; Blow Job for the devil; tote Fische. Auch das ist Schweiz; der andere Blick der Schweiz.
Insgesamt wurden elf Kurzfilme präsentiert, die von der Thematik und dem künstlerischen Konzept unterschiedlicher kaum sein können. Programmatisch für die ganze Veranstaltung stand der Eröffnungsbeitrag als Bruch (Broke von Benjamin Kempf aus dem Jahre 2000) des bis dahin sehr idyllischen und erholsamen Abends. Der schweißgebadete Broker, der sich mit Pistole in einer Toilettenkabine sitzend, versucht das Leben zu nehmen, reißt den Festivalbesucher aus diesem pittoresken Ambiente heraus und konfrontiert ihn mit dem, was das Leben auch sein bzw. mit sich bringen kann: Quälerei… auf der Toilette sein Geschäft verrichten… und zum Tode nervende Mitmenschen.
Bei dem Übergang zu Rolando Colla’s Einspruch III (2002) bemerkt man erstmals die Vielfalt der Filme und mit welchem scharfen Blick sie ausgewählt und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht wurden. War man eben noch sehr gespannt, konnte man sich bei diesem Beitrag das Lachen nicht verkneifen. In einem Sprachgemisch aus Schwitzerdütsch, Englisch und Französisch wurde sarkastisch verdeutlicht, was sich an der schweizerischen Grenze tagtäglich abspielt und wie unautorisierte Menschen in Bussen wieder aus dem Land gekarrt werden. Eine alltägliche Seifenoper in den Grenzbüros der Schweiz, die uns unterschwellig vermitteln will, dass die Schweiz gar nicht so freundlich und gelassen ist, wie sie außenpolitisch wirkt. Ein mutiger Stich in das Herz des Landes. Jenes Herz, welches darauf folgend etwa eine Minute lang visuell und akustisch weiter angeraspelt wird und Stück für Stück einen Teil von seinem Glanz verliert. Diesen Kontrapunkt, wiederum Bruch bzw. Übergang, von Nathalie Oestreicher leitet eine Folge von äußerst bizarren Kurzfilmen ein, die zum einen verstören (Cevapcici von Jonas Meier, 2005) und Fragen unbeantwortet lassen und zum anderen den Betrachter ins Geschehen hinein ziehen und gleichzeitig ständig wieder heraus stoßen (Mon bébé, Kutti MC von Kaya Inan, 2007). Gerade bei dem sechsten Beitrag Nouvel ordre (Jean-Daniel Schneider, Gregory Bindschedler, Ausonio Tavares De Sousa, 2006) hat man das Gefühl direkt neben der abgemagerten Frau in der widerlichen Küche zu stehen und genau das zu hören, was sich in den Stockwerken über ihr abspielt: ein Schrei… Gestöhne einer Frau; das gegen die Wand Pochen des Bettes… Bellen eines Hundes… Stille… ein Schuss. Diese grotesken und zerrüttenden Bilder lösen sich über die kurze graphisch anmutende Einlage vergessen (Fabio Friedli, 2008) wieder auf. Es folgt Rasende Liebe von Jonas Meier (2006). Mechanische Objekte werden in diesem Film zu Lebewesen, die man streicheln, liebkosen und pflegen muss, damit sie all ihren Glanz und ihre Schönheit erhalten. Es geht um Autoliebe und einen Fanatismus, welchen man wohl nur dann begreift, wenn man in der Lage wäre, ihn selbst zu empfinden.
Über die Kurzfilme Ohne Titel (Christoph Goetschi, Giancarlo Moos, 2008) und Nosferatu Tango (Zoltan Horcàth, 2002) fährt das Gastprogramm der Schweiz zur absoluten Krönung und dem Schlusspunkt des gelungenen Festivalabends auf. Hell for Leather (Dominik Scherrer, 1998) ist ein schwarzweiß Musical über Himmel und Hölle, indem der obszöne Teufel um die Regentschaft der Welt kämpft und die Todsünden in ihrer Bedeutung einfach umkehrt. Abschließend bleibt nur zu bemerken, dass dieser Gastbeitrag auf dem VIS Festival umso ergreifender ist, wenn man sich bewusst macht, in welchem Land dieses Kurzfilmprogramm entstanden ist, weil man es gerade von der neutralen Schweiz eben nicht erwartet.