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22. Internationales Kinderfilmfestival Wien (13.-21.11.2010)

Ins Kino gehen. Am Morgen. Am Nachmittag. Nicht am Abend. Ins Kino gehen und merken, dass die Welt, in die man sich hineinversetzt eine völlig andere ist, als diese Kinowelt, die man so gut kennt. Nicht nur das merken, sondern sich selbst verändern. In seinem Verhalten verändern. In seinem Blick, seiner Wahrnehmung. Nicht nur dadurch dass für dieses Filmfestival ganz spezielle Filme ausgesucht und ausgewählt wurden, sondern gerade auch deshalb weil das Publikum mit seiner Reaktion und seinem Verhalten ein völlig anderes ist. Die Filme sind international. Kein einziger Film aus Österreich. Ein Spektrum von aktuellen Spielfilmproduktionen für Kinder. Bis auf zwei Ausnahmen. Mit UMARETE WA MITA KEREDO (1932) von Yasujiro Ozu und FLY AWAY HOME (1996) von Carroll Ballard bekommt das Filmprogramm einen Kontrast. Auch Filmgeschichte ist ein Anliegen dieses Festivals. Film vermitteln. Das normalerweise nicht im Wiener Kino Sichtbare. Das normalerweise nicht für Kinder Vorgeführte. Mit Film Kindern Geschichten erzählen. Geschichten vom Film an sich. Geschichten von anderen Städten, Ländern und Kontinenten. Märchen und Animationen. Dramen und Komödien. Abenteuer- und Fantasiewelten. Mit Film Geschichten für Kinder erzählen.

8 Tage Festival. Workshops. Diskussionen. Preise. 15 Filme. Für diesen Bericht 7 Filme gesehen. Von Sonntag bis Samstag. Jeden Tag ein Film. Nie geweint. Oft begeistert. Jeden Tag Gedanken dokumentiert. Diese Gedanken nochmals reüssieren, erweitern, bearbeiten. Eine spezifische Methode ein Kinderfilmfestival lesbar werden zu lassen. Eine Möglichkeit über Film und Festival nachzudenken. Film und Festival zu reflektieren. Das ist das Anliegen. Das ist die Absicht. Das Kinderfilmfestival nicht mit seinem letzten Programmpunkt abzuhaken.

BOY von Taika Waititi (Neuseeland, 2010):
Kinder. Mit den Kindern sich in einer anderen Welt befinden. Geredet. Geschwiegen. Kinder kommentieren. Eltern, Erzieher o. Ä. zu Diskussionen aufgerufen. Und für Diskussionsstoff wird bei diesem Film zu Genüge gesorgt. Ein schwieriges und trotzdem unglaublich humorvolles Melodram. Mutter tot. Vater nicht da. Zunächst eine Traumfigur. Dann taucht er auf und demaskiert sich selbst zunehmend zum lächerlichen Wicht. Wirklichkeit holt alle Traumwelten ein. Doch ich bekomme keine Angst vor meinen eigenen Fragen. Ich bekomme keine Angst vor dem eigenen zu Sagenden. Das alles nicht. Auch bekomme ich keine Angst um die Kinder im Kinosaal. Denn sie gehen genauso spielerisch mit dem Thema und Problematiken um wie die wunderbaren Kinder-Figuren im Film, die meist einfach nur still sind. Nur ihr Blick reicht aus. Nur ihr Gesichtsausdruck spricht. Mehr braucht es oft nicht. Ein sich nicht-bewegendes Gesicht. Auch das ist Film. Für mich ist es das Besondere dieses Films. Starre unglaublich sympathische Kinder-Gesichter. Ich staune. Ich bin ganz klein. In einer Kinderwelt. In einem Festival für Kinder. Doch eigentlich ist das alles viel mehr. Es hat einen Mehr-Wert. Ein Festival für alle. Denn die Nicht-Kinder sind diejenigen, die am meisten lernen können. Vielleicht ist das ein Klischee, von Kindern lernen. Aber ein Schönes und Wahres. So schön lässt sich das Denken: nicht die Kinder müssen erzogen werden, sondern die die keine Kinder geblieben sind. Denn Kinder-Gesichter verzeihen und vergeben dieses Nicht-Kind-sein rasend schnell. Ganz fix. Und so endet auch dieser Film. Damit ist alles aus. Mit dem Versuch der Kinder ihrem zerbrochenen Vater zu vergeben und zu verzeihen. Von Vorne beginnen.
[14/29.11.2010]

JULENATT I BLÅFJELL von Katarina Launing/Roar Uthaug (Norwegen, 2009):
Ich bin gerührt. Natürlich. Eine absolut schöne Märchengeschichte. Verzauberung und geschmückte Pädagogie. Ihr Kinder, ihr Kinderlein kommet. Ach nein. Weihnachten ist ja noch nicht. Aber dieser Film ist irgendwie weihnachtlich: zu schön um wahr zu sein. Es werden Bilder gezeichnet. Keine wirklich problematischen Bilder, sondern Blütenweiße Familienbilder. Voller Tradition und immer wiederkehrender Vergebung. Wieder Vergebung. Alles löst sich im Guten auf. Nur in diesem Film vergeben Erwachsene den Kindern. Erwachsene haben ihre Autoritätsposition zurück erobert. Es ist nicht mehr umgekehrt (Vgl. BOY). Ein ganz anderer Ansatz. Auch eine ganze andere Filmästhetik. Eine ganz andere Welt. Eine Utopie auch. Und die Kinder im Kinosaal sind hellauf begeistert und fiebern mit. Sie schreien; sie klatschen. Sie klatschen; sie schreien. Sie kommentieren. Sie sind Teil meiner Kinoerfahrung. Es ist nicht still, sondern lebendig und unruhig. Eine neugierige Stimmung. Gerade das charakterisiert dieses Festival. Keine Totenstille. Keine absolute und unkommentierte Leere. Es gibt keine Einsamkeit im Kinosaal. Bei diesem Festival ist man einfach nicht allein. Ein markanter Kontrast zu jedem anderen Filmfestival. Auf zum nächsten Film-/Festival-/Kinoabenteuer.
[15/29.11.2010]

O CONTADOR DE HISTORIAS von Luiz Villaҫa (Brasilien, 2009):
Was ist und Was kann ein Filmfestival. Was leistet es. Was tut es. Wie kann es Filmwelt illustrieren oder dokumentieren. Das Festival mein Film. Der Film mein Festival. Was ist mit diesem Film. Eine DVD wird gezeigt. Das ist grundsätzlich kein Film im Sinne von Filmmaterial. Ein schlechtes, unscharfes und mattes (Film)Bild. Das ist kein visuelles Vergnügen. Das sollte aber auch Anspruch eines Filmfestivals sein. Zumindest kann das thematisiert werden. Film im Kino ist Material. Das stimmt heutzutage natürlich nicht mehr. Aber Film vom Material zu sehen ist ein zu differenzierendes Vergnügen. Doch an dieser Stelle lieber über den Film von Luiz Villaҫa reden. Eine wundervolle, berührende Geschichte. Mit viel Pathetik inszeniert. Eine heilige französische Welt. Problematisches Südamerika. Aber das ist nicht die wirkliche Wirklichkeit.
[16.11.2010]

VITUS von Fredi M. Murer (Schweiz, 2006):
Immer noch mit Kindern im Kinosaal. Immer noch Kinder als Hauptfiguren im Film. Klassifiziert das ein Kinderfilmfestival oder Kinderfilme. Also Kinder als Hauptfiguren oder Identitätsfiguren im Film. Wird dadurch ein Filmfestival zu einem Kinderfilmfestival. Heute sind nicht ganz so viele Kinder neben mir wie zuletzt. Das mag am Film selbst oder auch an der Uhrzeit (16 Uhr) liegen. Dennoch habe ich großen Spaß mit diesen wenigen Kindern. Das ist auch ein ganz anderes sehen, dieses Sehen von Film beim Kinderfilmfestival. Der Film selbst zeigt eine ungewöhnliche Kinderwelt. Ein Kind konfrontiert sich selbst mit Dingen von Erwachsenen. Das Kind ist an diesem Punkt erwachsener als alle anderen Erwachsenen. Bis auf den Großvater vielleicht. Er ist immer noch Kind oder ist wieder Kind geworden, verspielt und kreativ; naiv und neugierig. Doch dann ist er auch tot und das sind Kinder normalerweise nicht. Als altes Kind gestorben löst er die ganze Geschichte im Guten auf. Ende gut alles gut! Am Ende dieses Filmes ist jeder Fehlschlag, jedes Scheitern spielerisch gelöst (somit ist es natürlich kein wirkliches Scheitern mehr). Und für mich bleiben Fragen nach den Auswahlkriterien für das diesjährige Filmprogramm des Kinderfilmfestivals. Mit welcher Absicht ein Kindefilmfestival. Welche Filme wähle ich aus. Welche Filme sind Teil meiner Entscheidung. Und warum entscheide ich mich für den einen oder den anderen Film.
[17/30.11.2010]

I AM KALAM von Nila Madhab Panda (Indien, 2009):
Immer noch Filmfestival. Erneut ein anderes Land. Wieder eine Geschichte die versucht Probleme eines weit entfernten Landes zu schildern. Arm und Reich. Reich und Arm. Prinz und Bettelknabe. Doch wer ist der Reiche und wer der Arme. I am Kalam and I am free. Kalam kann nicht Scheitern weil er seinen unbändigen Glauben und Willen hat. Er kämpft unaufhörlich. Das ist wunderbar und wichtig. Scheitern gibt es auch hier nicht. Großes Pathos. Große Aufklärungsversuche. Scheitern. Fehler machen. Das zählt alles nicht für Kalam. Ihm haftet fast etwas Göttliches an. Ihm passiert nichts und er löst alles auf seine eigentümliche Art und Weise. Naivität wird nicht ansatzweise bestraft oder thematisiert. Lösungen ergeben sich einfach so. Was ist mit der wirklichen Wirklichkeit. Es ist doch möglich Kindern durchaus etwas zuzutrauen. Vielleicht sollte man mehr Mut beweisen. Noch problematischere Filme. Noch mehr Unlösbares oder gar Unfassbares. Warum all das nicht. Dürfen Kinder im Kino nicht weinen, traurig sein.
[18/30.11.2010]

KNERTEN von Åsleik Engmark (Norwegen, 2009):
Ein schon bekanntes Land. Der zweite Film aus Norwegen. Ich denke bei diesen Holzhäusern und unendlichen Wäldern eher an Schweden als an Norwegen. Ein hölzernes Land. In der Natur. Auf dem Land. Nicht in der Stadt. Nicht auf Beton. Stadt wurde zurückgelassen. Die Welt der Erwachsenen aus der Sicht eines Kindes. Ganz einfache Themen: Heimat und zu Hause sein, Anpassung, Liebe ( auch Jugendliebe). Natürlich spielt der Film mit Klischees. Aber die Art und Weise macht das Filmerlebnis unglaublich lebendig. Genauso wie dieses Stück Holz zu einem lebendigen Teil der Geschichte wird. Ein Film für kleine Kinder um an ihre Fantasie zu appellieren. Das ist wichtig. Das ist notwendig. Die Kinder im Publikum sind hin und weg. Hellauf begeistert. Sie haben überschwänglich gelacht, sind ausgeflippt. Sie wurden in eine Traumwelt mit filmästhetischer Raffinesse eingeführt. Mit charmanten Bildern, Effekten und letztendlich Darstellern begegnet dieser Film. [19/30.11.2010]

UMARETE WA MITA KEREDO von Yasujiro Ozu (Japan, 1932): Ein stummer Film. Stummfilm. Doch Film war nie wirklich stumm. Auch bei diesem Festival gibt es gesprochenes Wort, eingesprochene Zwischentitel. Der Genuss diesen Filmklassiker zu sehen wird dadurch nicht geschmälert. Auch die Kinder haben ihren Spaß. Sie lachen. Sie finden sich in diesen Bildern spielerisch zurecht. Rhythmisierte und durchkomponierte Bilder. Gestik. Mimik. Die weinenden Kinder mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern. Sie schmollen. Sie protestieren. Sie schreien. Sie tanzen. Sie sind in diesem Film. Filmgeschichte. Auch das ist ein Anliegen dieses Festival. Ein fast 80 Jahre alter Film aus einer völlig anderen Kultur. Eine völlig andere Bilderwelt. Das ist ein Ansatz und für mich ein wundervoller Abschluss eines Kinderfilmfestivals.
[20/30.11.2010]

Quellen und Verweise: 

22. Internationales Kinderfilmfestival, Wien 13.-21.11.2010.
„22. Internationales Kinderfilmfestival. 13.-21.11.2010“, RAY 10/10, Wien: substance media ltd. 2010.
„22. Internationales Kinderfilmfestival. 13.-21.11.2010“, Arbeitsgemeinschaft Kinderfilmfestival / Institut Pitanga, http://www.kinderfilmfestival.at/, 29.11.2010.
„Arbeitsunterlagen. 22. Internationales Kinderfilmfestival. Wien 13.-21. November 2010“, Hg. Arbeitsgemeinschaft Kinderfilmfestival / Institut Pitanga, Wien: bm:uk 2009.