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Wüstenbuch (Christoph Marthaler, 2010)

Taxonomie: 

Jetzt kann ich es sagen. Jetzt kann ich es schreiben. So etwas, so ein Stück, in dieser Form, mit dieser Vielzahl an Emotionen, Höhen und Tiefen, habe ich noch nicht erleben dürfen. Die Wahrnehmung trügt nicht. Dieses Stück erschüttert mein Herz, wühlt es auf und zerspringt in dem Augenblick, als das Licht angeht; einfach still. Das Publikum ist einfach still und ich möchte ebenfalls nichts sagen, nichts tun, nichts denken; nur weiterleben. Mit dieser Schönheit in meinem Kopf weiterleben; und dieses vollkommene Theatergefühl überleben. Doch warum; wieso dieser Überschwall an kitschigen Füllworten, befüllt mit einer Seele; Verliebtheit. Ich bin verliebt in diese Form von Musik, mit all ihren Dissonanzen, mit all ihrem harmonischen Widerspruch. Sie lebt viel mehr, als alles andere Musikalische in meinem Kopf. Da lebt diese Musik und ich muss schweigen. Ich habe nichts weiter zu tun, als zu schweigen. Mit diesem Kopf, der nicht mehr denken kann; dem dieses Denken sinnlos erscheint. Bei all den tönenden Tönen, Lauten: hin zu einer großen Gesamtkomposition, einem wirklichen Kunstwerk, Erlebnis. Ein musikalisches Stück mit einzelnen und immer auch einsamen Protagonisten, die sich selber Fremdkörper sind; fremd in ihren Körpern und fremd in meiner Erlebniswelt; einsam in ihrem Handeln, auch wenn sie die gleichen Dinge tun; auch wenn sie die gleichen Dinge tun wollen. Von ihrer Einsamkeit können sie sich nicht lösen; einsam und geschunden; überall auf der Bühne verteilt, irgendwo versteckt: unter Stühlen, Tischen, hinter Türen, Schränken, Wänden. Überall hinein wie unter eine Decke versteckt und nichts bleibt mehr von der Tragik, die die ganze Dauer, die ganze Lebensseite des Stücks über mir schwebt. Sie zerspringt mit dem Glück daran teilgehabt zu haben und es hört nicht mehr auf lebendig zu sein. Es hört nicht mehr auf zu leben, wie in einem Gemälde von Edward Hopper: das Licht, die Räume, das einzelne Zimmer; und die einsamen, wunderschönen Frauen, mit ihren bunten Kleidern; durch die Gegend irrend. Nichts mehr als das, irrend durch meine Gedankenwelt, für immer, für immer gegen das Vergessen dieses Stücks: Danke Beat Furrer, Danke Christoph Marthaler. (T.O.)

Quellen und Verweise: 

Wüstenbuch, Regie: Christoph Marthaler, Wien: Wiener Festwochen 2011. MQ Halle E 17.06.2011.
Abb. 1: Judith Schlosser, "Wüstenbuch", Theater Basel, http://www.theater-basel.ch/fotos/showfoto.cfm?fotoId=2723&cbstueck=4191..., 18.07.2011.
Abb. 2: Edward Hopper, "Büro in einer Kleinstadt", prometheus.de, http://prometheus.uni-koeln.de/pandora/image/show/Image-dadaweb-792392df..., 18.09.2011.