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Winterreise (Martin Kloepfer, 2013)

Nur um eins dreht sich das Seiende: Zeit und Ich. Das Ich und die Zeit in einem Zwischenspiel von Vergangenem und Gegenwärtigem gesetzt. Die Zeit geht vorüber und das Ich bleibt in dem Geschehen verloren. Figuren sind das Ich und gleichzeitig wieder nicht, übernehmen andere Funktionen und agieren als anders Funktionierende. Das Ich ins Nichts gestürzt. Das Erzählte wird durch Sprache, insbesondere Sprachkonstitution und sprachliche Neubewertung ausgedrückt; der Transport von Bedeutung existiert nur in Sprache: gesprochen oder mimisch-gestisch ausgedrückt. Nicht die Zeichnung der Figuren oder Beziehungsgeflechte stellen eine Signifikanz aus, weil sie eben überhaupt nicht existent sind. All das scheint den Textflächen von Elfriede Jelinek geschuldet (eben alles ihre Schuld), vielmehr jedoch Produkt inszenatorischer Entscheidung. Martin Kloepfer legt den Fokus seiner Inszenierung von Winterreise auf biographische Aspekte, die der Text Jelineks präsentiert. Das impliziert per se erst einmal nicht die Notwendigkeit einer Deutung im Sinne des Biographismus. Eher noch rücken Themen wie familiäre Sprachlosigkeit oder auch die Un-Kommunikation sowie die sich daraus erwirtschaftende Form vom familiären Macht- und Besitzwillen. Die Konsequenz ist bei Kloepfers Inszenierung psychische Labilität und Beziehungsstörung. Wie sich dieses Verhalten konstituiert kann in der schon fast morbiden Stimmung, welche existent ist, als im Grunde genommen Vergangenheit re-inszeniert wird, durch Gegenwärtiges: drei sprechende, Geräusch erzeugende Figuren setzen eine Kaffee- und Kuchensituation durch das Einbringen von Ton in stumme Handlung der drei Vergangenheitsfiguren in Szene. Das starre und verstummte miteinander bleibt durch das Herbeiführen einer Tonebene überdeutlich bzw. wird dadurch über-inszeniert. Un-Kommunikation setzt die folgenden Szenen voraus, in der immer mehr gesprochen wird, aber noch mehr von den eben nicht existenden, tiefenpsychologisch wahrnehmbaren Figuren, realisiert werden kann. (T.O.)

Quellen und Verweise: 

Winterreise, Regie: Martin Kloepfer, Kaiserslautern: Pfalztheater 31.05.2013; (Orig. UA 16.03.2013).
Vgl. "Winterreise. Sprachgewaltiges Gegenwartstheater", Pfalztheater Kaiserslautern, http://www.pfalztheater.de/cms/?p=293&s=pt_schedule&f=4&id=431&, 22.06.2013.