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Der den Film anders Denkende

Taxonomie: 
Eine Kurzgeschichte

Ich habe den Film betrachtet, war im Kino und bin jetzt mit meinen Gedanken allein. Ja. Keiner kann mir helfen, bei dem was Ich fühle. Niemand. Niemand ist da und hält mich im Arm. Niemand tut das. Das filmische Erlebnis hat mich vom Rest der Welt isoliert. Es hat mich ausgeklammert und abgeschnitten vom übrigen Durcheinander. Ja. Das kann der Film bei mir verursachen. Ich komme aus dem Kino und bin allein. Keiner der wirklich mit mir darüber reden zumindest nicht in dem Maße mit mir diskutieren kann, wie Ich es brauche; wie Ich es wirklich haben müsste, sodass Ich beruhigt schlafen würde. Nein. Diese Person kann es nicht geben. Ich muss selbst über den Film denken. Muss reflektieren und mich abreagieren. Über den Film denken. Anders denken. Anders fühlen. Anders als die Andern. Als die anders Fühlenden. Als die anders Denkenden. Die Anderen, die nicht alleine sind; die sich niemals alleine fühlen. Sie stolpern mit ihren fiesen Gesichtern aus dem Kino und lachen mich aus; weil Ich weinen muss, lachen sie mich aus; weil Ich nicht herum tanzen kann; weil Ich nicht so einfach über den Film reden kann. Ich muss darüber nachdenken. Muss das Filmerlebnis für mich aufarbeiten und Gedanken abarbeiten. Ja. Überarbeiten und weitertreiben. Und wenn Ich anfangen kann über den Film anders zu denken, kann Ich auch anfangen den Film anders zu sehen. Dann kann Ich wissen, was Ich vom Film erwarte. Was er mir geben kann. Ich möchte vom Film anders denken, weil mir andere Gedanken angebracht und nötig erscheinen. Vom Film anders zu denken, heißt auch gegen das bisher Gedachte zu denken. Zwar mitdenken, aber auch bewusst dagegen denken. Ja. Ganz bewusst gegen etwas denken, was schon existiert; es aber mitdenken, um zu wissen, wie man anders denken kann, ohne noch mal dasselbe zu denken, was schon gedacht worden ist. Schließlich möchte man ja auch nicht umsonst denken. Wer möchte das schon; umsonst denken, möchte doch keiner. Das macht keinen Spaß; nicht wirklich Freude. Nein. Man will nicht umsonst denken. Aber über den Film denken, heißt auch nicht umsonst denken, sondern sinnvoll denken. Über den Film anders zu denken, heißt noch sinnvoller zu denken, weil man über etwas nachdenken und philosophieren kann, was einem im Grunde genommen sowieso gefällt, was man sowieso mag, was man sowieso anstrebt zu begreifen. Also kann man schließlich auch anfangen anders zu denken. Ja. Anders denken sollte man. Anders denken. Ja. Das möchte man. Das möchte Ich. Und wenn Ich über den Film anders gedacht habe, dann schreibe Ich das Gedachte auf um auch zu Ende zu denken. Ja. Man muss Gedanken schließlich und endlich auch zu einem Ende denken, damit es etwas gebracht hat zu denken; wirklich zu Ende zu denken. Den Gedanken zu Ende fassen und abfassen, was man damit gemeint hat. Das ist das Ziel. Das sei der Gewinn. Falls man nichts für sich selbst gewinnen kann, dann wenigstens für die Andern; für die anders Denkenden; die noch nicht soweit gedacht haben; vielleicht auch noch nicht zu Ende gedacht haben. Ja. Für die gilt es zu Ende zu denken. Selbst wenn man sich aus dem zu Ende denken nichts erhofft, ist es im Hinblick auf die anders Denkenden berechtigt; vielleicht hilfreich; vielleicht völlig überflüssig. Aber man hat wenigstens gedacht und nicht nur gelacht. Über den Film nicht nur lachen, sondern man soll auch denken. Auch wenn man lacht, soll man gleichzeitig denken. Das hat der Film verdient. Das ist man ihm schuldig; dafür, dass er einen möglicherweise zum Lachen gebracht hat. Das ist man dem Film schuldig. Ganz sicher ist man das. Nichts weiter als das. Erst sehen und dann über den Film denken. Das möchte Ich den ganzen Tag. Ja. Jetzt sind wir wieder bei dem Ich. Ich möchte anders über den Film denken. Ich möchte anders über den Film schreiben. Zuvor aber möchte Ich lernen den Film anders zu sehen; die Bilder anders zu sehen; damit Ich auch anders darüber denken und schreiben kann; damit Ich anders darüber philosophieren kann. Über den Film anders denken. Den Film anders denken. Film anders denken. Es ist Zeit. Ich gehe ins Kino. Danach fange Ich das Denken an. Es ist Zeit. Es geht los. Keine Zeit verlieren. Schließlich habe Ich mir etwas vorgenommen. Ich habe ein Ziel. Über den Film anders denken. Film anders denken. Das möchte Ich.

„[…] ein Thema aufnehmen, heißt, ein solches Thema bis zum Ende durchzudenken, es darf nichts von diesem Thema übrig bleiben, das nicht geklärt, oder wenigstens nicht bis zu dem höchstmöglichen Grade geklärt ist […]“ (Thomas Bernhard, Korrektur)