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Isenheimer Altar (Matthias Grünewald, 1512–1516)

Taxonomie: 

Mitten in einem kathedralen Raum gestellt, präsentiert das Museum mir den Isenheimer Altar. Zu dem ich mich vorkämpfen muss, an all den anderen, zum Teil außergewöhnlichen Altarbildern vorbei. Es sind kleine verwinkelte Räume, die einen bedrückenden Eindruck hinterlassen, bevor man oder ich in den Genuss komme den Isenheimer Altar schon von Weitem zu registrieren, unter dem langgezogenen Gewölbe der Kirche. Ich sitze weit vom Gemälde auf Stufen, die es nicht zulassen einen detaillierten Blick auf das Werk zu werfen und trotzdem bin ich beeindruckt von der Atmosphäre , die sich mir darbietet. Ich stehe auf und trete an das Werk heran. Näher und näher. Ich setze mich direkt vor den Altar, der an einigen Stellen vom Licht in Spiegelungen verdeckt wird. Mein Eindruck des Werkes verdichtet sich. Der dezentralisiert Christus nagelt sich in meinen Kopf. Ich kann nicht fliehen. Ich kann nicht aufhören teilzuhaben an seinem Leid und trotzdem glaube ich nicht. Das ist die Magie solcher Malerei, die den Glauben darstellen – auch Ungläubige in ihren Bann zu reißen. Das Leid, das ich empfinde, ist natürlich ein geteiltes Leid mit all den anderen Betrachtenden. Die dunkle, fast mystische Kolorierung wird aufgehoben von der Erkenntnis, dass das Leiden, die Qual – die Grünewald zweifellos ausstellt – Teil eines Lebens sein muss. Die Kontrastierung der Hauptszene der Kreuzigung durch die beiden Heiligen Sebastian und Antonius sowie der Grablegung Christi zeugen von den Prozessen der Trauer und Anbetung – dem Weiterleben der Anderen, die am oder im Leben bleiben. Die Besonderheit, die sich mir in diesem Jahr bietet, liegt in den vier links neben dem Altar gehängten Skulpturen von Adel Abdessemed, die den leidenden Christus von Grünewald kopieren – ohne Kreuz, ohne Farben, nur das Weiß der Wand und das Silber des Materials, in dem sich das wenige Licht reflektiert. Dann trete ich weiter hinter das bisher Erlebte. Von nun an ist der Blick vom Detail in die Ferne gelenkt – ein umgekehrter Rhythmus. Verkündigung und Auferstehung, die die biblische Geschichte Stück für Stück komplettieren. Ich drehe mich um 180°: Engelskonzert und Geburt Christi. Das expressionistische der Kreuzigung wandelt sich zu einem barocken, manieristischen Stil – plastisch, bewegt, farbenfroh. Das Erlebnis verdichtet sich. Ich stehe auf und verlasse die Atmosphäre. Bewusst in die Ferne. Ein kurzer Blick auf die letzten Teile des Altars.

Quellen und Verweise: 

Matthias Grünewald, Isenheimer Altar, Colmar: Musée d‘Unterlinden 24.07.2012.