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Häusliche Szene I (Wolfgang Herzig, 1985–1986)

Taxonomie: 

Wir sind alt. Wir sind verkümmert und doch sind wir natürlich. Unsere Körper schmerzen. Unsere Knochen sind starr und doch sind wir natürlich. Wir leben. Wir sind zusammen. Wir teilen unsere Häuslichkeit, unseren Alltag, unsere kleine Lebenswelt. Wir sind natürlich gealtert, ganz nackt. Nicht entstellt, sondern verkümmert, eingebrochen im Selbst und in unserem Miteinander. Das Altern unserer Leben ist ein gemeinsames alt werden unserer Liebe. Ich bin nackt, nehme und gebe meinen klapprigen Beinen ein heißes Bad. Mein nackter Mann bringt mir ein großes Stück Fleisch, keinen Kuchen, sondern Fleisch, kein Fett, keine Sehnen, keine Knorpel, keine Knochen, pures Fleisch. Und meine Haut gewinnt den Kampf gegen meine Körpermuskulatur. Mein nackter Mann, mein nacktes Ich und ein großes Stück Fleisch. Alles unförmig, alles in verzerrtem Gesicht. Ich bin alt und eingeschlossen in einem alternden Liebespaar: Ein Penis, eine Vagina, ein dicker Bauch, zwei hängende, schlaffe Brüste – zwischen uns ein saftiges und rosarotes sowie pures Stück Fleisch.

Quellen und Verweise: 

Wolfgang Herzig, „Häusliche Szene I. 1985–1986“, Wolfgang Herzig – Ein Realist wird 70, Klosterneuburg: Essl Museum 18.09.2011.
Abb.: "Haeusliche Szene I", wolfgangherzig.org, http://www.wolfgangherzig.org/hauslicheszene1.html, 18.09.2011.
Vgl. "Wolfgang Herzig. Ein Realist wird 70", Essl Museum, http://www.sammlung-essl.at/ausstellungen/herzig.html, 18.09.2011.